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An das UNESCO Komitee für das Weltkulturerbe
An die nationale UNESCO-Kommission Litauens

An den Präsidenten der Republik Litauen Valdas Adamkus
An den Vorsitzenden des Seimas Viktoras Muntianas
An den Ministerpräsidenten der Republik Litauen Gediminas Kirkilas



DIE ZERSTÖRUNG DES KULTURERBES IN DEN STÄDTEN LITAUENS
Ein offener Brief

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Vilniaus panorama.
 
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"K" ir "D" istoriniame Klaipėdos centre.
 
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Vilnius, aukštybinis pastatas Savanorių g. 1
 
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Kaunas: "Akropolis" ir Karmelitų bažnyčios šventorius.
 
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Vilnius, prekybos centras Gedimino pr. 9, prie šv. Jurgio bažnyčios.
 
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Vilnius, Subačiaus g. 11.
 
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Kauno senamiestis.
 
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Vilnius.
 
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Klaipėda
 
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Klaipėda, 2006 metų pavasaris.
 
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Klaipėda, 2007-ieji. Senamiestyje, Vitės kvartale, iki pirmo aukšto nugriauta 1864 metais statyta Ferdinando aikštės mokykla.
 
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Klaipėdos dujų fabrikas.
 
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2005-ieji, Vilnius. Protesto akcija „Parduota“
 
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       Ein charakteristisches Merkmal der westlichen Zivilisation ist die städtische Kultur, und so begann auch die Stadtgeschichte in Litauen schon vor 755 Jahren – mit der Gründung von Klaipėda / Memel im Jahre 1252. Die wachsenden Städte, die bald auch ehemalige Bauern-höfe, Gutshöfe und kultiviertes Land umfaßten, wurden zur Heimstätte verschiedener kultu-reller Traditionen. In ihnen entstand eine vielfältige Kultur – nebeneinander lebten Litauer, Deutsche, Polen, Juden und andere ethnische Gruppen. So entstanden ein besonders, unwie-derbringbares Bild der litauischen Städte und eine Vielfalt des kulturellen Erbes. Aber in un-seren Tagen droht dieser einzigartigen Tradition die Zerstörung.
Aufgrund der Unreife der jungen Demokratie haben die Einflüsse der Wirtschaft bei der Stadtentwicklung auf die kommunalen und staatlichen Behörden eine besonders aggressive Form angenommen, die nicht mehr mit den Prinzipien einer harmonischen Entwicklung ver-einbar ist und das Verschwinden der kulturellen Eigenart des Landes befürchten läßt. Inves-titionen werden ausschließlich als Quelle eines schnellen Gewinns verstanden, und das öf-fentliche Interesse wird dem von Gruppen oder Einzelpersonen geopfert; während der kultu-relle Wert des Landschaftsbildes, der Archäologie und der Architektur beschädigt und zer-stört wird.
Hohe Gebäude entstellen bereits die in Jahrhunderten gewachsenen Stadtbilder von Klaipėda / Memel und Vilnius / Wilna.

Manchmal werden diese Bauten im Widerspruch zu den rechtlichen Bestimmungen hochge-zogen. Im historischen Zentrums Klaipėdas / Memel wurde ein Wolkenkratzer illegal erbaut, und erst im Nachhinein 'legalisiert'. Obwohl das Komitee für das Kulturerbe im Jahre 2005 vor den negativen Folgen des Baues von Hochhäusern für die Bewertung der Altstadt von Vilnius durch die UNESCO warnte, wurde diese Warnung letztlich nicht beachtet. Dieser falsche Trend setzt sich fort – einer der neuen Wolkenkratzer beschädigt das historische Pa-norama.

Vor kurzem hat die Stadtverwaltung von Vilnius / Wilna den Bebauungsplan der Stadt über-arbeitet, wobei die Schutzzone der Altstadt weiter verkleinert wurde. Die städtische Struktur der alten litauischen Städte wird durch die Invasion von Einkaufszentren verunstaltet – in den Altstädten von Telšiai, Marijampolė und Vilnius / Wilna wurden solche Zentren gebaut und auch mitten in Kaunas / Kauen – neben der barocken Karmeliterkirche.

Eine aggressive Baupolitik in historischen Stadtteilen und in deren geschützten Zonen wurde die Norm – durch die Teilnahme am 'Wiederaufbau' wurden in der Altstadt von Vilnius / Wilna neue Gebäude gebaut, die in keiner Weise mit den Werten des Schutzes des Kulturer-be übereinstimmen und Werte von außerordentlicher Bedeutung verdecken, wie z.B. die Stadtmauer.

In der Altstadt von Kaunas / Kauen wurde ein mehrstöckiges Bauwerk direkt neben dem einzigen verbliebenen Turm der historischen Stadtmauer und beeindruckenden Beispielen für die Architektur der Zwischenkriegszeit errichtet.

In der Altstadt von Klaipėda / Memel ist der Bau eines Hotels auf den Überresten alter Kir-chen und alter Friedhöfe, auf denen bekannte Personen der Region begraben liegen, beab-sichtigt. Im aktuellen Bebauungsplan der Stadt ist für das historische Viertel "Vitte" eine Bebauung mit neunstöckigen Häusern vorgesehen, so daß die bislang für dieses Gebiet gel-tende Schutzverordnung aufgehoben würde – so wird auch die Bedeutung des Kulturerbes der Küste ignoriert.
In der Schutzzone von Vilnius / Wilna, im Bereich der Burg von Vilnius / Wilna, werden Appartmenthäuser gebaut, die im Widerspruch zur historischen Umgebung stehen.

In großem Umfang werden in historischen Stadtteilen Tiefgaragen gebaut und Vorbauten für Gebäude eingerichtet, durch die ohne jeden Skrupel archäologische Werte zerstört werden. Eine besondere Schande ist die Straßenbahnlinie, für deren Strecke im Stadtbebauungsplan von Vilnius / Wilna ein Weg durch die durch die UNESCO geschützte Altstadt vorgesehen ist. Das litauische ICOMOS Komitee lehnte diese Entscheidung ab, zu diesem Zeitpunkt war das Komitee für das Weltkulturerbe über diese Planung noch nicht einmal informiert.
Die ungehinderte aggressive Entwicklung führte zu einem besonders brutalen Vorgehen: In Klaipėda / Memel wurden vergangenes Jahr drei historische Gebäude abgerissen.

Dieses Jahr wurde die Erlaubnis erteilt, ein einzigartiges Objekt des Industrieerbes in Litau-en zu zerstören: die Zellulosekochwerkhalle der Zellulosefabrik. Es sollen nur wenige kleine Teile dieses Gebäudes bewahrt werden. Der Eigentümer kümmerte sich lange nicht um das Bauwerk, so daß jetzt ein 'baufälliger Zustand' festgestellt und die Erlaubnis zum Abriß er-teilt wurde.

Ohne jede Kontrolle verschwindet so ein Großteil des Industrieerbes von Klaipėda / Memel.

Derzeit wird Restaurierungsmaßnahmen in Litauen nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt – erst kürzlich wurde offiziell anerkannt, daß ein großer Teil der Gebäude in der Altstadt von Kaunas / Kauno sich in einem baufälligen Zustand befindet. Bei der Rekonstruktion und Anpassung von historischen Gebäuden an eine kommerzielle Nutzung wird das authentische Innere und die historische Raumaufteilung in großem Maßstab zerstört. Das Institut für die Restaurierung von Denkmälern wurde aufgelöst, die Qualitätsanforderungen für die Restau-rierung wurden reduziert, heute ist es üblich, daß man bei der Planung eines solchen Projek-tes den Forschungen zum kulturellen Erbe des Objektes keine Aufmerksamkeit mehr schenkt.
Die einzigartigen Fresken aus dem 16. Jahrhundert in der Pfarrkirche in Trakai / Troki wur-den als 'zufällig' bezeichnet: bei dem Projekt wurden Forschungen nicht berücksichtigt, deswegen soll die Schicht mit den Fresken entfernt werden.

Hier wurde nur ein kleiner Teil von Beispielen vorgestellt, die die derzeitige Haltung gegen-über dem kulturellen Erbe und die aggressiven Entwicklungstendenzen in Litauen belegen. Bei allen erwähnten Vorgängen – außer dem der Schule am Ferdinandplatz in Klaipėda / Memel – billigten die Angestellten der kommunalen Selbstverwaltung, Institute und Exper-ten für den Schutz des Kulturerbes die Schädigung und Zerstörung der kulturellen Hinterlas-senschaften. Auf die Proteste der Öffentlichkeit wurde einfach keine Rücksicht genommen, und unser Rechtssystem gibt den Bürgern keine Möglichkeit, das öffentliche Interesse im Bereich des kulturellen Erbes vor Gericht zu verteidigen.

Mit dem Eintritt in die Europäische Union hat Litauen eine Verantwortung für die Pflege der grundlegenden Werte der europäischen Kultur und ein Festhalten an diesen Bestimmungen übernommen. Das kulturelle Erbe schätzt unser Staat als einen Garanten der nationalen I-dentität: "Im Gesetz zum grundlegenden nationalen Schutz" ist das kulturelle Erbe als Ob-jekt des nationalen Schutzes zusammen mit anderen Grundrechten wie den Menschen- und Bürgerrechten, Freizügigkeit und persönlicher Unversehrtheit, Freiheit des Volkes, Unab-hängigkeit des Staates, konstitutioneller Grundordnung und territorialer Geschlossenheit verankert.
Wir sprechen uns für eine Erweiterung der Städte aus, bei der die Prinzipien eines harmoni-schen Ausbaus Verwendung finden und bei der die kulturelle Identität nicht zerstört wird. Wir sind der Meinung, daß nicht in die Zerstörung, sondern in den Neuaufbau investiert werden sollte, damit die Fortsetzung einer vor 755 Jahren begonnenen europäischen Traditi-on gewährleistet ist und damit eine Weitergabe der Werte an zukünftige Generationen. Des-halb fordern wir:
• die Gewährleistung, daß die internationalen Verpflichtungen eingehalten werden, die Litauen mit ihrer Ratifizierung angenommen hat: die Konvention über das Weltkul-tur- und Naturerbe, die Konvention über die europäischen Regionen, die Konvention zum Schutz des architektonischen Kulturerbes und zum Schutz des archäologischen Erbes Europas;
• die Ergreifung rascher Maßnahmen zum Stopp der aggressiven Bauweise im städti-schen Bereich und der Zerstörung des kulturellen Erbes. Eine grundlegende Verände-rung im Bereich des Schutzes des kulturellen Erbes – eine klare Verantwortung für die Schädigung und Zerstörung des kulturellen Erbes, eine unabhängige Kontrollin-stitution, ein unabhängiges und offenes System für Gutachten usw.
• die Gewährleistung, daß im Rechtssystem Litauens der Gesellschaft die Möglichkeit gegeben wird, öffentliches Interesse im Bereich des Schutzes des kulturellen Erbes vor Gericht zu vertreten.
Wir bitten die Staatsführung, ihre Ansicht zur Situation des kulturellen Erbes bekannt zu machen.
Und wir wenden uns an das Komitee zum Schutz des Weltkulturerbes mit der Bitte, diejenigen Planungsvorhaben zu beurteilen, die in Stadtvierteln ausgeführt werden sol-len, die unter dem Schutz der UNESCO stehen, da sie sich auf der Liste der Weltkul-turerbes befinden:
• die Straßenbahnlinie, die durch die Altstadt von Vilnius / Wilna führen soll;
• die städtebauliche Neuordnung, die auf der Kurischen Nehrung geplant ist. Noch in die-sem Jahr werden in der Verwaltung von Neringa neue Pläne zur allgemeinen und spe-ziellen Bebauung besprochen – weil das einzigartige landschaftliche Erbe der Kurischen Nehrung durch aggressive Urbanisierungstendenzen gefährdet ist, hat sich Unruhe unter einem Teil der Bewohner verbreitet und man befürchtet, daß in den zu verabschiedenden Plänen diese Tendenzen gebilligt werden. Wir bitten, besonders aufmerksam die Pläne zum Ausbau des Flughafens zu beachten.
Die Alternativkommission für das kulturelle Erbe,
Der Verband der Bürger Litauens





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